Selbstwertbezogene Interventionen in der Psychotherapie

Veröffentlicht am 9/26/23

Das Selbstwertgefühl „ordentlich aufmöbeln“, „in Rekordzeit“ – mit „18 einfachen Tipps“, die „noch heute“ zu einer deutlichen Veränderung führen sollen – das propagieren einschlägige Internetseiten, sowie eine Vielzahl der unterschiedlichsten Ratgeber zum Thema Selbstwert. Denn nichts sei so wichtig für Glück und Wohlbefinden wie ein starkes Selbstwertgefühl, heißt es. Und fast alle psychischen Probleme seien auf ein zu geringes Selbstwertgefühl zurückzuführen.

Mit diesen Ideen kommen viele Patient*innen in die Psychotherapie. Das Selbstwertgefühl zu verbessern, gehört zu den Anliegen, die zu Beginn einer Psychotherapie am häufigsten formuliert werden, unabhängig von spezifischen psychischen Beschwerden, wie Ängsten oder Depressionen. Wie sollen Therapeutinnen damit umgehen, wie darauf eingehen und wie mit Patient*innen am Selbstwertgefühl arbeiten – ohne ähnlich unfundierte Versprechungen zu machen wie einige Ratgeber?

Wer psychotherapeutisch am Thema Selbstwert arbeiten möchte, sollte sich mit einigen Mythen auseinandersetzen:

 

MYTHOS 1: Alle psychischen Probleme sind letztlich Selbstwertprobleme

Eine solche Aussage greift zu kurz und wird der Komplexität der Prozesse bei der Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen bei weitem nicht gerecht. Ja, es stimmt: Ein geringes oder instabiles Selbstwertgefühl geht mit einigen Störungen, einher, z.B. bei Essstörungen oder der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Bei depressiven Störungen ist der geringe Selbstwert sogar explizit als Symptom genannt. Und tatsächlich berichten viele Patientinnen in der Anamnese auch Selbstwertprobleme, unabhängig von der jeweiligen psychischen Störung. Aber dies ist längst nicht immer der Fall – und auch andere Zusammenhänge sind möglich, etwa dass das Selbstwertgefühl sich erst in Folge einer psychischen Störung verschlechtert. Es wäre daher nicht angemessen, alle Beschwerden als „Selbstwertproblem“ zu konzeptualisieren und den Fokus der Behandlung isoliert darauf auszurichten.

Ein gutes individuelles Fallkonzept sollte beleuchten, ob und wie Selbstwertprobleme bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der psychischen Störung beteiligt gewesen sein könnten. Nur so können die Behandlung anderer Problembereiche und der Zeitpunkt für selbstwertbezogene Interventionen optimal abgestimmt werden. Nicht selten sind Selbstwertprobleme schon lange vor einer psychischen Störung vorhanden, häufig können sie als prädisponierender Faktor eingeordnet werden; in einem solchen Fall kann es sinnvoll sein, im Rahmen der Rückfallprophylaxe und nach Besserung der primären Symptomatik psychotherapeutisch spezifisch am Selbstwertgefühl zu arbeiten.

 

MYTHOS 2: Die Steigerung des Selbstwerts ist der Schlüssel zu Wohlbefinden und psychischer Gesundheit

Dass das Selbstwertgefühl gesteigert oder erhöht werden muss, ist eine sehr verbreitete Sichtweise – man achte nur auf die Titel vieler Ratgeber und sogar Standardwerke zum Thema. Wir warnen dennoch eindringlich davor, eine reine „Steigerung des Selbstwerts“ in der Psychotherapie als Zielformulierung zu verwenden. Denn diese impliziert, sich ständig besser und wertvoller bewerten zu müssen, gerade auch im Vergleich zu anderen. Auf diese Weise können ein stetes Gefühl der Unzulänglichkeit entstehen und ungünstige interpersonelle Strategien zur Gewohnheit werden. Ein gesunder Selbstwert dagegen ist nicht zwangsläufig sehr hoch, sondern weist eine relative Freiheit von äußeren Faktoren auf: Ereignisse, die den Selbstwert steigern, wie zum Beispiel ein Lob, führen dann nicht zu einer anhaltenden oder unverhältnismäßigen Erhöhung des Selbstwerts, selbstwertkritische Ereignisse, wie ein beruflicher Fehlschlag, erniedrigen ihn nicht dauerhaft. Ein wichtiger Beitrag zu mehr innerer Stärke und Stabilität kann gerade darin bestehen, negative Gefühle nicht zu vermeiden, sondern wahrzunehmen, anzunehmen und sich selbst als Ganzes zu akzeptieren, gerade inklusive der eigenen Fehler und Schwächen. So gesehen sind die in der Psychotherapie aktuell weit verbreiteten Interventionen zur Förderung des Selbstmitgefühls eine gute Herangehensweise, um auch ein gesundes Selbstwertgefühl zu fördern.

 

MYTHOS 3: Der Selbstwert lässt sich mit ein paar wenigen, gezielten Interventionen verbessern

Hier ist leider das Gegenteil der Fall: Selbstwertprobleme sind vergleichsweise veränderungsrobust. Das ist auch plausibel, weil sie häufig schon ein Leben lang bestehen. Entsprechende Denk- und Verhaltensmuster sind also in der Regel chronifiziert, und nicht innerhalb eines einmaligen Drei-Wochen-Programms zu verändern. Wir halten es für wichtig, dies Patient*innen gegenüber transparent zu machen, denn letztlich können Therapeut*innen eine dauerhafte Veränderung des Selbstwerts nur anstoßen, indem sie selbstwertbezogene Übungen anregen und die ersten Umsetzungen begleiten. Die Übungen kontinuierlich fortzuführen und weiterzuentwickeln, obliegt den Patient*innen selbst – und dies häufig ein Leben lang. Dies hört sich schlimmer an, als es ist, denn natürlich gehen einem die Übungen umso leichter von der Hand, je mehr man übt. Und noch eine gute Nachricht gibt es aus unserer Sicht: Vieles von dem, was in einer Psychotherapie ohnehin vor sich geht, fördert nebenbei auch einen gesunden Selbstwert. Wenn Patientinnen beispielsweise Strategien an die Hand bekommen, mit denen sie auf ihre primäre Störung Einfluss nehmen können, wie etwa bei einer Angstexposition, erleben sie nicht nur eine Reduktion der Symptome, sondern erfahren oft auch intensive Gefühle der Selbstwirksamkeit – und diese Erfahrung verbessert das Selbstwertgefühl.

Wie wir in unserem Band zu Selbstwertbezogenen Interventionen in der Psychotherapie zeigen, müssen Therapeutinnen auch nicht alles neu erlernen. Viele gängige transdiagnostische Interventionen können an Selbstwertprobleme adaptiert und dort erfolgreich eingesetzt werden. Darüber hinaus existieren einige spezifische selbstwertbezogenen Interventionen, die in dem Band „Selbstwertbezogene Interventionen“ ausführlich dargestellt werden.

 

MYTHOS 4: Selbstwertbezogene Interventionen sind nachweisbar wirksam

Leider ist es zu früh, um hier eine eindeutige Aussage zu treffen. Die meisten selbstwertbezogenen Interventionen, so plausibel und intuitiv sie erscheinen, sind nur sehr begrenzt auf ihre Wirksamkeit hin überprüft – gerade im deutschen Sprachraum. International sieht es etwas besser aus, gut belegt sind beispielsweise die Wirksamkeit des Competitive Memory Trainings von Kees Korrelboom und Kollegen aus den Niederlanden oder der kognitive Ansatz der britischen Psychotherapeutin Melanie Fennell. Für beide beschreiben wir das praktische Vorgehens in dem oben genannten Band ausführlich, so dass sie auch in der deutschen Versorgungspraxis angewendet werden können.

 

Dr. Anke Weidmann, geb. 1978. 1999-2004 Studium der Psychologie und Journalistik in Hamburg. Danach von 2005-2017 Tätigkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Psychotherapie und Somatopsychologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Promotion 2009. 2007-2012 Ausbildung in Verhaltenstherapie mit Approbation (2013). 2013-2017 psychotherapeutische Tätigkeit in der Hochschulambulanz der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2017 Psychologische Psychotherapeutin an der Fliedner Klinik Berlin. Forschungs- und Behandlungsschwerpunkte: Angst-, Zwangs- und traumabezogene Störungen, Selbstwert und Selbstmitgefühl.

Foto: © Annette Koroll

Prof. Dr. Lydia Fehm, 1966 in Nürnberg geboren. Studium der Psychologie in Marburg, Promotionsstipendium in Dresden, zusätzlich therapeutische Tätigkeit mit Schwerpunkt Angststörungen. Verhaltenstherapieausbildung. 1994-1999 und Approbation als Psychologische Psychotherapeutin. 2000-2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Dresden, 2005-2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Psychotherapie und Somatopsychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, seit 2008 Ambulanzleitung am Zentrum für Psychotherapie der Humboldt-Universität zu Berlin. Forschungs- und Behandlungsschwerpunkte sind agoraphobische und soziale Ängste sowie therapeutische Hausaufgaben.